Tag 14: Khare - Mera Base Camp (5361m)

Von Khare aus gibt es bis zum Gipfel des Mera eine Zeltmöglichkeit im auf 5361m Höhe gelegenen Mera Base Camp und im 5802m ü.NN gelegenen Mera High Camp. Die Standardvorgehensweise, die auch wir machen wollen, ist, am ersten Tag bis zum Base Camp aufzusteigen. Am zweiten Tag dann bis zum High Camp. Am Morgen des dritten Tages dann zum Gipfel und anschließend wieder zurück nach Khare.

Um einen Tag zu sparen, starten manche Veranstalter direkt vom Base Camp zum Gipfel, dies sind dann aber 1100 Höhenmeter auf über 5000m ü.NN bei der Gipfeletappe. Andere, wie unsere „Und täglich grüßt …“-Gruppe steigen von Khare gleich die 900 Höhenmeter zum High Camp auf.

Wie in den nächsten Tagen im Einzelnen nun die Vorgehensweise von Climbing Guide BL sein wird, davon habe ich noch keine Ahnung. Bis jetzt hat er es nicht für nötig gehalten, mir dies mitteilen zu wollen. Nach einem ausgiebigen Frühstück deponiere ich die Sachen, die hier in Khare bleiben im Zimmer von Nir Kumar ein. Nur der kaum halb gefüllte Ortlieb-Packsack und mein Tagesrucksack machen sich mit auf die Reise. Starten werde ich den Tag mit den Trekkingstiefeln. Ab dem „Crampon-Point“ (<=> „Steigeisenstelle“, wenn aus Fels dann Gletscher wird) wechsle ich dann auf die Schalenbergstiefel mit den untergeschnallten Steigeisen.

Etwas verwundert bin ich, dass Träger Rabin außer meiner Packtasche und seinem Rucksack nur noch einen Zeltsack aufschnallt. Der Rucksack von BL scheint gefüllt zu sein und da er einige Kekspackungen verstaut, verzichte ich darauf, auch eine Zusatzverpflegung einzupacken.

Nir Kumar meint es zwar nur gut, aber seine Info, dass es bis zum Crampon-Point maximal 1,5 Stunden bei meinem üblichen Tempo sind, wird bei mir in den nächsten Stunden noch einige Sorgenfalten wachsen lassen. Was Nir Kumar nicht wissen konnte: der Crampon Point wurde verlegt. Er liegt jetzt nicht mehr am roten Punkt im folgenden Bild, sondern am grünen Punkt. Der blaue Kreis zeigt den Ort Khare.

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Ursprünglicher Steigeisenpunkt (rot ), neuer Steigeisenpunkt (grün) und der Ort Khare (blau)

Ohne ein Wort von BL starten wir in Khare und machen uns auf den Weg in Richtung Base Camp. Bis zum Crampon Point geht es über Geröll und Felsschutt, dann am Gletscher steil bergauf bis zum 5401m hohen Mera La Pass. Dieser wird dann gequert und auf der uns gegenüberliegenden Ostseite gut 50 Höhenmeter tiefer befindet sich neben dem Gletscher das Base Camp.

BL legt trotz dem steilen Abhanggelände ein zügiges Tempo vor, zu zügig für mich, der sich aus Erfahrung auf „pole pole“ eingestellt hat. Ich gebe BL zu verstehen, langsamer zu wandern, wir haben den ganzen Tag Zeit. Anscheinend kann er nicht langsamer gehen und ändert dafür seine Strategie. Ist der Weg einigermaßen einsehbar, dann bleibt er gerne an einem Felsen sitzen und lässt mich mit Rabin alleine weiter. Anschließend prescht er an uns vorbei und setzt sich weit vor uns auf einen Felsen, um auf Rabin und mich zu warten. Das Spielchen wiederholt sich mehrmals. So kenne ich Bergführer ja gar nicht. Seinen mehrmals gesagten Satz, »You’re too heavy and you’re too slow«, ignoriere ich schon alleine deshalb, da er es nicht schafft, beim mit mir Reden wenigsten grob in meine Richtung zu schauen. Was ist das für ein Mensch?

Nach eineinhalb Stunden ist noch kein Einstiegspunkt in den Gletscher zu sehen, langsam mache ich mir Sorgen, bin ich wirklich so langsam?

Von einer Anhöhe sehe ich, dass in einiger Entfernung Personen am Gletscherrand sind und versuchen in diesen einzusteigen. Vom Aussehen her dürfte es die japanische Rentnergang sein. Diese war zwei Stunden vor uns in Khare gestartet, ich bin also immer noch deutlich schneller als die Japaner. Meine Einschätzung in 30-45 Minuten auch dort zu sein, bestätigt sich.

Um nicht unnötige Mahlzeiten im Base Camp kochen zu müssen, machen wir vor dem Einstieg in den Gletscher unsere Mittagsrast. Fast drei Stunden sind wir seit Khare unterwegs. Die Verpflegung ist wieder Tibetisches Brot und Eier und Tee aus meiner Thermoskanne.

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Schalenbergschuhe, Gamaschen und Steigeisen

Nach dem Essen heißt es nun die Schuhe zu wechseln und in den hier sehr steil anmutenden Gletscher einzusteigen. Geschätzte 250 Höhenmeter wird es meist sehr steil nach oben bis zum Mera La Pass gehen, den wir von unserem Standpunkt fast schon einsehen können.

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Weg hinauf zum Mera La (5402m)

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Weg hinauf zum Mera La (5402m), nicht unbedingt eben

Wie wird der Vorstieg im Gletscher sein, meine Steigeisenerfahrung ist doch sehr begrenzt? Ich habe sie eigentlich nur an diesen Schuh zuhause an vereisten im Hang verlaufenden Waldwegen getestet. Aber das Laufen mit den Steigeisen hier am Gletscher gelingt mir sogar den Umständen entsprechend leicht, dies hätte ich so nicht erwartet. Wir kommen sogar in einer vernünftigen Geschwindigkeit voran. Nur wie soll ich jetzt den Satz von BL einordnen, wenn er sagt »You’re running like a Everest Climber«. Mach ich es genau richtig, oder komplett falsch, von BL gibt es zur Auflösung dieses Rätsels keine Hilfestellung.

Nur diese Steigtechnik mache ich nicht, weil vielleicht Everesterfahrung da wäre. Unfallbedingt kann ich das linke Sprunggelenk nicht so weit abwinkeln wie das rechte und das Gehen mit den vorderen Zacken ohne dass die Ferse zunächst das Eis berührt, ist für mich einfacher. Alternativ müsste ich sonst das linke Bein nach außen anwinkeln. Dann hätte ich aber eine Scherbelastung auf das Knie.

Eine Stunde später sind wir oben am Pass, wir biegen nach halblinks ab und verlassen den Gletscher wieder. Unterhalb ist eine kleine Zeltsiedlung zu sehen, dort wird also das Basecamp sein.

Kaum im Camp angekommen, wechsle ich wieder die Schuhe. BL und Rabin bauen ein Zelt auf. Ist dies mein Zelt, das wäre ja dann erstmalig ein Zelt für einen Trekkingkunden, dass nicht ein North Face VE25 Clon ist? Und so nah am Schmelzwasserrinnsal muss es jetzt auch nicht aufgebaut sein. Da Rabin meinen Packsack zum Zelt bringt, ist es also mein Zelt. OK, es ist ein kleineres Zelt, für eine Person sollte es dennoch reichen.

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Mera Base Camp mit Blick Richtung Mera - das kleine grüne Zelt hinter dem zweitrechten Zelt ist meine Herberge

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Mera Base Camp mit Blick Richtung Norden

Ich richte mich im Zelt häuslich ein und bemerke sofort, dass es seine besten Tage schon hinter sich hat. Das Außenzelt ist eingerissen, Reißverschlüsse sind nachvernäht, …. Und der faustgroße Fleck da rechts an der Seitenwand, ist das Dreck oder Schimmel? Sei‘s drum, ein anderes Zelt ist nicht da. Aber von meiner Agentur bin ich solch ein bescheidenes Zelt nicht gewohnt.

Nach dem Aufbauen des Zeltes sehe ich meinen Guide BL nicht mehr in unmittelbarer Nähe. Mit dem Fotoapparat bewaffnet mache ich eine kleine Sightseeingtour rund um das Lager. Wieder im Lager zurück, werde ich von den Guides der japanischen Gruppe zum Teetrinken auf einer Matte vor ihrem Essenszelt bei strahlendem Sonnenschein eingeladen. Bis auf eine kurze Etappe beim Gletscheraufstieg ist heute schon den ganzen Tag eitel Sonnenschein. Im nebligen Wind zwischendurch kühlt es gefühlt um 20-30°C ab. Jetzt hier ohne Wind im Sonnenschein ist es angenehm warm.

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Mera Base Camp - Müllhalde auf fast 5400m ü.NN

Es ergeben sich beim Tee die unterschiedlichsten Gesprächsthemen und jeder lässt sich gerne mit meinem Messgerät die Sauerstoffkonzentration im Blut messen. Mit 87% auf fast 5400m bin ich mal wieder einsamer Spitzreiten. Meist sind ihre Werte bei 75-80%. Nur einer hat kaum 65%, zeigt aber sonst keine negativen Symptome was höhenkrank betrifft.

Ich frage ihm: »Kalte Finger?«

Er: »Ja!«

Ich sage ihm: »Geh in Euer Kochzelt, halte Deine Hand über den Gasbrenner und komm dann wieder!«

Die Messung mit aufgewärmten Händen einige Minuten später ergibt dann bei ihm beruhigende 77% Sauerstoffsättigung.

Respekt zollen mir alle, dass ich bei der gestrigen Taschenleeraktion in Khare so gefasst geblieben bin. Sie haben es gestern in zehn Meter Entfernung live miterlebt. Na ja, nach außen hin war ich ja noch gefasst.

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Mera Base Camp - Schmelzwasserbach neben meinem Zelt

Am späteren Nachmittag lässt sich auch BL wieder blicken und fragt nach der Uhrzeit für das Abendessen. Er schlägt um 19 Uhr Nudeln vor. Zehn Minuten später schlägt er dann für 18 Uhr Nudelsuppe vor. Interessant.

Kaum verschwindet die Sonne hinter den Bergen, wird es eisig kalt. Erst jetzt um 17 Uhr gibt es ein erstes wirkliches Gespräch zwischen mir und BL. Er erzählt, dass er mit Ende 20 schon zweimal ganz oben auf dem Mount Everest war. Nach dem Mera Peak hier geht es zur Ama Dablam als Climbing-Sherpa. Er mache diese Tour hier auf eigene Rechnung. Er will mich dazu ausfragen, warum Nir Kumar ein schlechter Guide sei und immer alles befehle. Ich mache ihm deutlich: »Kamerad!! Falls Nir Kumar überhaupt befehligt, dann befehligt er sowieso nur Das, was ich sowieso machen würde! Und für den Rest habe ich zwei Ohren: in einem geht es rein, beim anderen wieder raus. Ich gehöre aber zu den Menschen, bei denen muss man noch die Hirnmasse zwischen beiden Ohren runterdrücken, damit es auch ungehindert durch kann!«.

Wenn BL jetzt die ganze Zeit mit mir redet, wann kocht er dann überhaupt? Seine minutenaktuelle Speisekarte sagt jetzt Abendessen in meinem Zelt für 18:30 Uhr voraus, jetzt wieder als Nudeln und dann Tomatensuppe morgen zum Frühstück.

Kurz nach 18 Uhr erscheint BL ohne Essen an meinem Zelt. Essen gibt es jetzt im Küchenzelt der japanischen Gruppe. Im Zelt angekommen sind die Assistenzguides, der Koch und die Küchenhelfer der japanischen Gruppe am Arbeiten. Nach dem Trinken von zwei bis drei Tassen angebotenen Tee steht die gemeinsame Hauptmahlzeit an, Reiscurry. Ich erhalte es vom Koch „sicherheitshalber“ noch vor der letzten Nachwürze des Currys. Das Essen schmeckt gut, ist aber wieder sehr salzlos. Liegt es nur an dem reduzierten Salzempfinden in der Höhe?

Im Anschluss an das Abendessen ist dann Nachtruhe angesagt. Ich denke mir immer wieder: bin ich als Ein-Mann-Gruppe am Berg zu teuer, oder warum bekomme ich solch einen Climbing-Guide vorgesetzt?

Werde ich jetzt doch noch höhenkrank, weil ich mich die ganze Zeit über meinen Climbing-Guide ärgere?

Tagesdaten: Start: Khare (4899m ü.NN) - 8:45 Uhr, Ziel: Mera Base Camp (5361m ü.NN) - 13:30 Uhr  -  PO2 87%

Tag 5: Mera Base Camp (5361m) - Mera High Camp (5802m)

Der Schlaf der vergangenen Nacht war unruhig, ich habe ihn aber auf dieser Höhe auch nicht anders erwartet. Einen ruhigen Schlaf kann ich ja dann ab Khare nachholen. Die Blutsauerstoffsättigung ist bei 89%.

Außerhalb des Zeltes ist der Wasserlauf neben dem Zelt gefroren, es ist wie erwartet eisig kalt. Es dürfte aber ein Tag mit blauem Himmel werden. Schau’mer mal, ob es als Frühstück heute von BL die Version 2.3 oder 7.4.26 gibt. Es wird im Kochzelt der japanischen Gruppe Nudeln mit etwas Suppe werden. Aufgrund der doch etwas rötlichen Farbe der Flüssigkeit im Teller wird es dann doch Tomatensuppe sein.

Nach dem Frühstück teilt BL mir mit, dass es ab jetzt das Essen in meinem Zelt gibt. Vom Pass her sehe ich Rabin in Richtung Lager hereinkommen, hat er im weiter nördlich gelegenen Camp für die Strecke zum Ampha Laptsa Pass genächtigt? Ein Irrglaube von mir, wie sich später herausstellen wird.

Die Wegstrecke zum High Camp ist nicht zu weit, man kann ja vom Base Camp schon den Felsen am High Camp sehen, 2 bis 2,5 Kilometer, die bei den heutigen Bedingungen vier Stunden in Anspruch nehmen sollten.

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Blick zurück zum Mera La - rechts hinter dem dunkelbraunen Berg ist schon der Makalu zu sehen

Wieder mit den Schalenbergschuhen an den Füßen, geht es zurück auf den Mera Gletscher und am Mera La biegen wir ab in Richtung Süden. Im Hängegletscher geht es mal weniger steil mal steiler kurvig um oft verschneite Gletscherspalten immer höher.

Nur BL treibt beim Weitergehen wieder fast das gleiche Spielchen analog zu gestern. Nur heute läuft er direkt vor mir, dann wieder 100m voraus, wartet bis ich und Rabin fast auf ihn aufgeschlossen haben und beginnt dann wieder mit dem Spielchen von vorne.

Dass mir heute bis hierher ein Anfängerfehler unterlaufen ist, die Folgen werde ich ab jetzt zu spüren bekommen: ich war in den flachen Bereichen am Gletscher viel zu schnell unterwegs, BLs Taktik sei Dank, und jetzt fehlt mir langsam das Pulver.

Aber mein langsames Vorankommen wird entschädigt von der Szenerie, die sich im Norden mit jedem gewonnenen Höhenmeter immer mehr bietet. Das Who-is-Who der nepalesischen Bergwelt kommt immer mehr zum Vorschein. Den Anfang im Reigen der Achttausender macht der Makalu, eine wahre Schrankwand beginnt sich vor uns aufzutürmen, auch wenn der Makalu fast noch 30km entfernt von uns ist.

Vierzig Kilometer entfernt ist der nächste ins Bild kommende Achttausender, der im Nordosten gelegene Cho Oyu. Es dauert nicht mehr lange, dann lässt sich auch das Dreigestirn des Khumbu blicken. Der Fastachttausender Nuptse in voller Breitseite, die Spitze des Mount Everest und der Lhotse. Und es sind fast keine Wolken vorhanden.

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Auf dem Weg zum Mera High Camp

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Cho Oyu in Bildmitte, rechts die Ama Dablam

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Nuptse, Everest und Lhotse

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Makalu

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Pause vor imposanter Kulisse - links Everest und Co, rechts der Makalu

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Blick nach Osten über die Wolken - am linken Bildrand zwischen den beiden Bergen ist langsam der 130km entfernte Kanchenjunga zu erkennen

Je weiter wir nach oben gelangen, desto imposanter wird die Welt der Achttausender, gerade die wahre Schrankwand des Makalu lässt ihn noch imposanter als den Mount Everest wirken, obwohl beide gleich weit von uns entfernt liegen.

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Nuptse, Everest und Lhotse

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Cho Oyu

Als hätte BL nicht schon genügend No-Gos fabriziert, lässt er nun den nächsten No-Go folgen. Es soll zwar Bergsteiger geben, die Bergführer mit Babysittern gleichsetzen, aber das folgende Verhalten ist für mich ein absolutes No-Go, auch dann, wenn ich wirklich nicht für den Mera Peak geeignet wäre.

Es rächt sich bei mir jetzt die zu hohe Anfangsgeschwindigkeit. Der letzte lange Hatsch vor dem High Camp ist den Umständen entsprechend auch noch sehr steil. Hatte ich bis jetzt nach 40-50 Schritten eine kurze Atemholpause eingelegt, so schaffe ich jetzt keine zehn Schritte mehr. Und noch schlimmer: statt ein paar wenigen Atemzügen, braucht es jetzt fast immer wahre Erholungspausen. Dann wieder maximal zehn Schritte und das Spielchen beginnt wieder von vorne. Ich schaue auf meine Uhr und denke: pünktlich wie die Maurer. Gestern Abend salzarm, heute zum Frühstück fast ohne Salz. Und jetzt wieder drei Stunden seit der letzten Mahlzeit.

Und was macht BL. Er sagt, es gehe ihm jetzt alles zu langsam, ich solle mit Rabin weiter aufsteigen. Er gehe voraus zum High Camp und sichere einen Zeltplatz. Ich kann gar nicht so schnell schauen, schon ist er in Richtung High Camp entschwunden.

BL hätte salzige Kräcker im Rucksack gehabt, Rabin natürlich nicht. Und ich sowieso nicht. Kleine Fehler ….

Ich sage zu Rabin: »Rabin, das wird jetzt etwas länger dauern! Ich glaube kaum, dass ich aktuell noch mehr als Schlaftablettentempo schaffe! Hoffentlich überholen uns jetzt nicht auch noch die japanische Rentnergang hinter uns!«. Diese „Schmach“ möchte ich mir ersparen. Nicht weil ich die hervorragende Leistung dieser älteren Generation schmälern möchte, sondern weil mir deren „Gemütlichkeit“ die Schneckenhaftigkeit meiner Situation nur allzu deutlich vor Augen führt.

Aber die Rentnergang holt unaufhörlich auf. Und ich werde nicht schneller. Sie waren fast mit uns am Base Camp gestartet, wir hatten schon einen riesigen Vorsprung und jetzt sind sie kaum noch 100m hinter uns.

Rabin hat inzwischen schon meinen Rucksack geschultert, aber schneller werde ich trotzdem nicht. Im Schneckentempo erreiche ich noch vor den Japanern das hinter einem Felsen gelegene Highcamp.

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Mera High Camp - Weg zum Camp

BL steht an einem Felsvorsprung an einem roten Zelt. Wo hat er das her? Das ist ja das typische Standardzelt in Nepal.

Bekomme ich jetzt ein vernünftiges Zelt?

Leider zu früh gefreut. Ob jetzt mein Zelt schon gestanden hat oder noch aufgebaut wird, daran kann ich mich nicht erinnern. Nur die Zeltleinen werden noch abgespannt. Am Felsen, mein Zelt ist am Adlerhorst ganz oben und ganz hinten. Und ich muss mich zwischen dem roten Zelt und der Felswand hindurchzwängen, damit ich überhaupt zu meinem Zelt kommen kann.

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Mera High Camp - mein Zelt links oben

Im Zelt mache ich mir es zunächst etwas gemütlich. Leichter gesagt als getan, denn es hat eine 20° Schräglage in Querachse. Die Tevas als Unterlegkeile sind aber in Khare geblieben.

Warum war ich wieder so langsam, jetzt fühle ich mich wieder normal und gegessen habe ich seither noch nichts?

War es wirklich das Salz, die Anstrengung, psychosomatisch, zu stark abgebaute „Fettreserven“ (der Gürtel geht inzwischen deutlich enger) oder irgendwas anderes. Das Mittagessen kommt wieder vom Essenszelt der Japaner.

Nur wem gehört das unmittelbar vor meiner Nase aufgebaute rote Zelt, das würde mich schon interessieren? Weiter unten und am Eisfeld stehen zwar schon ein paar Zelte, aber dieses und meines hätte da auch noch Platz gehabt. Niemand ist am oder vorm roten Zelt zu sehen.

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Mera High Camp

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Mera High Camp

Nach den personell reduzierten Japanern treffen auch noch die drei Briten ein und später ein niederländisches Pärchen. Zusammen werden es morgen maximal 12 Trekker sein, die den Weg zum Gipfel in Angriff nehmen werden.

Soll ich mir mit „dem“ Guide die Gipfeletappe antun, meine Zweifel werden immer größer. Kann ich mich in einer wirklichen Notsituation auf ihn verlassen?

Soll ich mich vielleicht den Japanern anschließen, deren Guides wirken sehr professionell?

Aber zunächst genieße ich das Schauspiel, das die Natur vor meinem Zelt jetzt bietet.

Wir sind über den Wollen angelangt und in weiter Entfernung ist über den Wolken der letzte Achttausender zu sehen, der nach Mount Everest und K2 dritthöchste Berg der Welt, der Kanchenjunga.

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Mera High Camp - Wie aus einer Flugzeugkanzel gesehen über den Wolken im Hintergrund der Kanchenjunga

Zum Beine vertreten schaue ich mir auch etwas die Umgebung des Camps an. Die Frischwasserstation des Camps wird einfach aus dem Gletscher geschlagen.

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Mera High Camp - hier kommt frisches Gletscherwasser in Würfelform

Wieder zurück im Lager fragt BL mich: »Wann starten wir morgen zum Gipfel?«

Darauf ich: »Um 8 Uhr müssen wir ja spätestens oben sein. Wann müssen wir hier losgehen, damit wir bei meinem Tempo unter normalen Bedingungen rechtzeitig oben wären?«

Darauf BL: »Du bist viel zu langsam!«

Darauf ich: »Wann müssen wir hier losgehen!!! Ich habe keine Lust stundenlang den Berg in der Dunkelheit hinaufzugehen und Stunden später gesagt zu bekommen, dass wir vor dem Gipfel umkehren müssen, da wir zu langsam sind!«

Darauf BL: »Du bist viel zu langsam!«

Darauf ich: »Wann müssen wir losgehen um rechtzeitig zum Sonnenaufgang über 6000m zu sein!«

Darauf BL: »Du bist viel zu langsam! Wann starten wir zum Gipfel?«

Darauf ich: »Wo ist denn eigentlich Rabin, ich sehe in seit längerer Zeit nicht mehr gesehen?«

Darauf BL: »Den habe ich nach Khare runtergeschickt, brauchen wir am Gipfel nicht! Kommt morgen wieder!«

Darauf ich: »Nach Khare? BL, jetzt reicht es mir! Es gibt keinen Gipfel und auch keine 6000 Meter. Ich lasse mich doch nicht verarschen! Ich schau mir heute Abend hier den Sonnenuntergang an unter morgen Früh den Sonnenaufgang! Und dann geht es zurück nach Khare. Ende der Diskussion!«

Nach unserem Gespräch geht BL in das rote Zelt vor meinem Zelt und macht es sich im Innern gemütlich.

Gerade um Rabin tut es mir leid. Da freut sich der Junge schon jeden Tag auf den Mera Peak und BL schickt in einfach runter nach Khare!

Wie soll ich vernünftig auf den Gipfel hinauf, wenn ich keine Chance bekomme festlegen zu können, bis wann bei dieser Etappe spätestens welche Entscheidungen getroffen werden müssen?

Ich kann der ganzen Sache aber inzwischen sogar schon etwas Positives abgewinnen: War es ein letzter virtueller Tritt gegen das Schienbein, mich nicht zu übernehmen? Was passiert, wenn ich den Gipfel schaffe? Geht es dann auf den nächsthöheren Gipfel? Bleibe ich dann einmal ganz oben? Will dies jemand von mir nicht haben?

Binnen Minutenfrist ist der Gipfel für mich abgehakt. Es wird auch keine zweite Chance in der Zukunft für mich geben. Solch gute Wetterbedingungen wie aktuell, solch gute Wegbedingungen wie aktuell und so wenig eigene gesundheitliche Probleme wie aktuell, werde ich bei einem zweiten Versuch sicherlich nicht haben. Also lasse ich es sein.

Jetzt es aber zunächst einmal zum Sonnenuntergang genießen, zu erleben auf der nächsten Seite.

Tagesdaten: Start: Mera Base Camp (5361m ü.NN) - 8:00 Uhr, Ziel: Mera High Camp (5802m ü.NN) - 11:45 Uhr - PO2 77%-81%

 

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