Tag 8: Ningsow - Chhetra Khola

Ich habe ja in diesem Reisebericht auf der vorhergehenden Seite eine Vorinformation dahingehend abgegeben, dass noch der Tag kommen wird, wo wir, sprich Guide Nir Kumar, Träger Rabin und ich, uns wieder sehnsüchtig an die “traum(a)haften” Wegbedingungen rund um Basa zurücksehnen werden. Heute wird dazu dieser Tag sein, nur wissen wir am heutigen Morgen davon noch nichts.

Wenn aber ein nepalesischer Guide mit zig Jahren Erfahrung in Trekking und Bergsteigen schon während der Wanderung immer wieder sagen wird, »Ich gehe diesen Weg nie mehr!«, dann wird uns heute ein wahrlich abwechslungsreicher Tag bevorstehen.

Aber alles der Reihe nach:

Es hat wieder die ganze Nacht hindurch geregnet und auch jetzt am Morgen hat es nicht den geringsten Anschein, dass sich die Wetterbedingungen verbessern würden. Wir beschließen zunächst noch bis 8 Uhr zu warten, aber das Wetter bleibt einfach so wie es ist. Wenigstens geht kein Wind, d.h. wir werden heute dann nur (richtig) nass werden.

Rabin steckt über die von ihm am Rücken getragenen Taschen und seinem Rucksack einen Plastiküberhang, damit die Ausrüstung nicht nass wird. Für meine beiden Taschen hätte er sich dies sparen können, da diese erprobterweise wasserdicht sind. Nur sein Rucksack verträgt kein Wasser. An den Folgetagen sind wir wenigstens so intelligent und verlagern seinen Rucksack in das Innere meines kaum halb gefüllten Ortlieb-Packsacks, dann bleibt auch sein Rucksack trocken. Wobei der Ehrlichkeit halber gesagt werden muss: ein bisschen Nässe wird in den “wasserdichten” Taschen immer innen drin sein, da sich aufgrund von Temperaturunterschieden und Luftfeuchtigkeitsdifferenzen immer minimal Kondenswasser bilden wird.

Bin ich froh, extra vor dieser Reise einen systembedingt wasserdichten Tagesrucksack gekauft zu haben. Man muss zwar bei diesen Rucksäcken gewisse Einschränkungen in der Flexibilität in Kauf nehmen, aber eine trockene Ausrüstung dankt es einem dafür.

Wir starten im strömenden Regen den Weg durch den Dschungel, besser wie die letzte halbe Stunde von gestern nach Ningsow wird der heutige Weg sicherlich nicht werden. Zu Beginn ist der Pfad noch ein breiter am Hang verlaufender und mit Laub bedeckter Waldweg, im steten Auf und Ab. Dies wird aber sicherlich nicht so bleiben. Schon jetzt sind wegen der Nässe die Steine auf dem Weg sehr glitschig, also ist größte Vorsicht geboten, wenn man über diese auf- und vor allem absteigen muss, da es neben dem Weg meist weit nach unten geht. Aber wir sind ja immer noch am “gemütlichen” Anfang des heutigen Tages.

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”Harmloser” Waldweg kurz nach Ningsow - aus den bis zu 1,5m breiten Weg werden später kaum 30cm werden

Die Wegbedingungen ändern sich zusehends. Die Spur wird enger, manchmal kaum noch zwei Schuhsohlen breit und es wird unebener. Rechts geht es oft steil bergab ins Tal des hier sicherlich 1500m weiter unten fließenden Inkhu Khola. Oft sind es 70-80° Neigung bzw. Gefälle neben dem Weg, ein paar Bäume oder Sträucher als Schutz, Ausrutschen will hier wirklich keiner. Durch den Regen und vor allem durch den Wasserdunst gibt es auf der Strecke nirgendwo eine trockene Stelle, geschweige denn eine Stelle, die ansatzweise eben ist.

Kaum hat man wieder einen “Alprandweg” hinter sich, dann geht es die nächste halbe Stunde durch tiefstem Matsch weiter. Man kann sich noch so konzentrieren und der Schuhschaft kann noch so hoch sein: irgendwann schöpft man dreckiges modriges Wasser. Auch aufgrund des Matsches ist man oft sehr langsam unterwegs, v.a. bergab. Nicht wirklich Halt gebende Luftwurzeln tun ihr Übriges.

Hätte ich doch meine Gummistiefel von zuhause mitgenommen!

Von einem gemütlichen Wandern kann bei diesen Bedingungen schon lange keine Rede mehr sein, immer öfter sehe ich, dass Nir Kumar den Kopf ob der Bedingungen am heutigen Tag schüttelt. Nir Kumar hat einen (positiven) Wesenszug, den ich so von Nepali bis dato überhaupt nicht kenne: ungefragt redet er über eigene Fehler und Unkenntnisse, er beschönigt nichts. Er gibt mir zu verstehen, dass Rabin den Weg wirklich kennt, er selbst war hier noch nie und hat auch kein Gefühl, wie weit wir zeitlich noch im Plan sind. Für ihn steht aber jetzt schon fest: nochmal wird geht er diesen Weg nicht. Diesen Satz wird er heute fast schon als Mantra wiederholen.

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“It’s mahdi” - Schlammiger Weg in Formvollendung, unten als Video - da bekommt der Ausdruck “Everest-Autobahn” bzw.”Everest-Highway” für einen Wanderweg im “Nachbartal” eine ganz andere Dimension

“It’s mahdi” - Willkommen im Blutegel-Wunderland

Auch nach der nächsten “It’s Mahdi”-Episode wird der Weg nicht besser. Nach einem längeren steilen Aufstieg über unstete Felsbrocken, Luftwurzeln und Matsch in veränderlichen gemeinsamen Kompositionen erreichen wir eine ebene Stelle mit einem kleinen Bretterverhau. Wir sind an der Mera View Lodge auf 3276m ü.NN angekommen, oft auch Ramailo Danda genannt. Von der Höhe sind wir laut Karte schon über unserem Tagesziel, aber ob dies wirklich etwas zu bedeuten hat?

Vom Mera Peak ist an diesem Aussichtspunkt heute absolut nichts zu sehen. Auch wenn er direkt auf der anderen Talseite wäre, der Nebel ist heute einfach zu dicht. Die Lodge selber ist ein primitiver Bretterverhau und Planen als Nässeschutz, der Boden ist aus (nassem) Lehm. Betrieben wird die Lodge von zwei jungen Männern.

Nach einem Teestopp machen wir uns auf dem weiteren Weg, wir haben nach fast zwei Stunden Wanderungen bis hierher erst einen Bruchteil der heutigen Entfernung hinter uns. Nur der Weg wird nicht besser, eher noch schlechter. Die Ausgesetztheit des Weges wird immer schlimmer: rechts geht es einfach nur ungesichert runter, einfach nur runter.

Dauert dann beim Absturz wenigstens die Flugzeit bis zum Aufschlag unten länger.

Auch die Bäume neben dem “Weg” sind sich manchmal unsicher, wo ist denn hier eigentlich oben und unten.

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Höhenwanderweg, die Bäume wachsen in alle Richtungen

Sind manche Strecken dann doch wieder einfach, so kann der nächste Schritt schon wieder ein ungeplantes und/oder abbrechendes Luftwurzelloch sein, auch die Schlammpfützen sind nicht zu verachten. Irgendwann werden auch meine Schuhe über die Nähte Wasser ins Schuhinnere lassen, bis jetzt habe ich ja nur zweimal von oben Wasser geschöpft.

Es tröstet auch nicht, dass die heutige Etappe von der “Luftlinie” her weniger als 2500m lang ist (mehrmals auf der Karte nachgemessen!). Einfach nur bei jedem Schritt aufpassen und nochmals aufpassen.

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“It’s mahdi” - Schlammiger Weg in Formvollendung, links geht es “nur” viele hundert Meter steil den Berg hinab, rechts ist es nicht viel besser

Manchmal werde ich das Gefühl nicht los, wir laufen heute irgendwo im Kreis bzw. spiralförmig um einen Zylinder oder einen Kegel herum, eine Himmelsrichtung einzuschätzen ist ohne Kompass oder GPS kaum möglich, sie wechselt einfach zu oft. Aber dieser Weg hier ist der einzige Weg, den es überhaupt gibt. Wir müssen da durch oder als Alternative wieder mehrere Tage zurück wandern.

Jetzt zum Ende des Monsuns ist er einfach nur “mahdi”, in der Trockenzeit im November/Dezember wird es sicherlich deutlich einfacher sein.

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Der Weg geht über Luftwurzeln am Bergkamm entlang. Hier in “Trockenbauweise”, auf beiden Seiten geht es steil mehrere hundert Meter bergab

Ich bin sicherlich nicht der Einzige, der in Albträumen schon die Hilflosigkeit “erlebt” hat, an einer 360 Grad ausgesetzten Stelle zu stehen, wo es überall nur noch nach unten geht und man sich der Situation nicht wehren kann. Instinktiv möchte man in solch einem Traum die Hände wie Flügel schlagen und einfach nur noch wegfliegen.

Genau an solch einer Stelle kommen wir jetzt an.

Schon die letzten 50 Meter laufen wir an einem extrem exponierten Weg. Links ist mehr oder weniger senkrecht der Felsen mit moosähnlichem wassertriefenden Bewuchs, nirgends ein “Anhaltspunkt” für die linke Hand. Die Spur ist keine zwei Schuhsohlen mehr breit, ist rechtsseitig unbefestigt und geht nach 30-40cm neben der linksseitigen Felswand ansatzlos in sich ein 70-80° steiles mehrere hundert Meter langes Gefälle über. Im Gefälle dann manchmal etwas Gestrüpp oder dünne Bäume, aber nichts was einen Absturz wirklich merklich abbremsen würde. Und dies geht immer so weiter, soweit das Auge reicht bzw. es der Nebel zulässt.

Im 180 Grad Schwenk setzt sich der Pfad in einer engen Kurve um den linksseitigen Felsvorsprung herum fort. Rechts ist immer noch nur “abgrundigste” Tiefe die nächsten paarhundert Höhenmeter, der Nebel lässt aber nur die ersten 100-200m einsehen. Vor uns tut sich etwas rechts versetzt eine massig breite und sicherlich 40m hohe leicht zu uns her überhängende und mit Pflanzen bewachsene fast senkrechte Wand auf. Wie weit diese sich nach unten fortsetzt, ist im Nebel nicht einsehbar. Nur wo geht es jetzt weiter, einen Tunnel sehe ich nicht? In einer nochmaligen 180° Linkskehre, der gesamte Felssporn ist kaum zwei Meter breit, geht es wieder 10-20m zurück, mäßig ansteigend, sodass wir uns am Ende des Felssporn vorne kaum zwei bis drei Meter über der ersten Linkskehre befinden.

Und jetzt? Wo kann denn hier noch ein Weg sein? Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, ich steh auf einem Wolkenkratzer ganz oben am Rand, ganz vorne an einem überhängendem Brett.

Wenn jetzt das Ganze auch noch zum Wackeln anfängt?

Kaum schaue ich nach rechts, erkenne ich treppenähnliche Stufen, die steil nach oben in einer 180° Rechtskehre in Richtung der Felswand zurückgehen. Aus dem Moos-/Grasbewuchs schauen kleine “Felschen” heraus, Tritttiefe meist weniger als 10cm, Tritthöhe variabel zwischen 30 und 70cm, diese Stufen kaum arschbreit und links und rechts davon nichts zum Anhalten, da 20cm neben der “Treppe” der Abflug in das Nichts beginnt.

Sicherlich eine interessante und wahrlich atemberaubende Streckenführung bei Sonne und Trockenheit, aber jetzt ist hier nur Nebel und Dauerregen und die Stufen hängen auch noch etwas vom Berg weg. Und dann noch 270° Aussicht bis gaaaaaaanz tief ins Tal, zum Glück ist Nebel und es sind nur die ersten 100m der eventuellen Absturz-Flugbahn einsehbar. Wie da Rabin vor mir mit dem geschulterten Gepäck raufgekommen ist, kann ich mir so gar nicht vorstellen. Dafür habe ich jetzt ein Problem: meine Bergschuhe haben eine steigeisenfeste unnachgiebige Sohle. Die Sohle knickt bei 5-10cm Tritttiefe bis zum nassen Felsen einfach nicht ab. Zum seitlichen Auftreten ist kein Platz, die Stufe ist schmäler als ein Schuh lang ist. Für die Hände ist auch nichts zum Anhalten da. Schuhe ausziehen geht nicht, kein Platz zum Festhalten beim einbeinigen Rumstehen mehrere hundert Meter über dem Abgrund.

Ich muss meine Körperschwerpunkt irgendwie über die Schuhspitzen bringen, um nicht nach hinten ins Tal wegzukippen, ohne dass ich selbst schon am Fels anstehe. Den Rucksack nach vorne bringt nichts, da ich dann weiter vom Fels abstehe. Als Alternative die Schnürsenkel zu lockern wäre auch gefährlich: rutsche ich dann aus den Stiefeln? Jetzt ist aber auch kein Platz mehr für das zu beugende Knie beim Versuch die nächste Stufe zu erklimmen, es bleibt nichts anderes übrig, als den Vorstiegsfuß seitlich herauszunehmen. Das ist kein 3-Punktaufstieg mehr, eher ein 1+0,2+0,2-Punkt-Aufstieg.

Aber nach 20 bis 30 Höhenmetern ist auch dies geschafft. Es folgt ein Moment, wo man sich gerne von der fehlerfreien Funktion aller körpereigenen Schließmuskel überzeugt, sprich: die Unterwäsche ist sauber geblieben.

An einer ebenen Stelle im Anschluss an diese Stelle legen wir eine Pause ein, eine mentale Erholung brauchen wir jetzt alle 3. Hoffentlich müssen wir diesen Weg nie mehr zurückgehen!

Was ich erst jetzt bemerke: warum trage ich meine Actioncam unbenutzt in der Jackentasche und habe all die Zeit nichts gefilmt, der Befestigungsadapter ist ja am Riemen des Rucksackes dran? Setzt da das eigene Denken andere Prioritäten?

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An einer ebenen Stelle am Felssporn unmittelbar nach der “Albtraumstelle” (deren flaches Ende ist im Hintergrund noch zu sehen) - die psychische Anspannung ist in den Gesichtern noch deutlich vernehmbar

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Die Stelle vom vorhergehenden Bild in Laufrichtung geht es so weiter!

Aufgrund der eben gemachten Erfahrungen bespreche ich mit Nir Kumar, wo sich im Fall der Fälle welche “Notaurüstung” (Schnur. dünnes Seil, Klebeband, Steigeisen, ...) befinden. Den Ort für die Erste-Hilfe-Ausrüstung teile ich ja immer schon am ersten Trekkingtag mit.

Warum jetzt diese vielleicht übertrieben wirkende Vorsichtsmaßnahme?

Laut dem Wirt von der letzten Lodge, ist in den nächsten vier Tagen nicht mit einem Publikumsverkehr auf dieser Strecke zu rechnen. Für den Fall eines Abrutschens sind wir auf uns alleine gestellt. Eine Hilfe kann später als nach einem Tag eintreffen und funktioniert nur dann noch, wenn der Absturzort noch zugänglich ist. Wandern im Alleingang auf dieser Route ist mehr als grob fahrlässig. Einmal weggerutscht und vorbei ist es (mit dem Leben).

Die oft sehr ausgesetzte Wegführung vereinfachen den heutigen Tag überhaupt nicht. Die Wegränder sind durch die Bank unbefestigt und es ist oft nicht zu erkennen, ob der 10cm breite Grasstreifen neben der 30cm breiten Spur noch zum Weg gehört oder schon um die Kante herumwächst. Oft läuft man mit der linken Hand nach vorne gedreht, um auf der linken Seite mehr Platz neben dem moosbewachsenen Felsen zu haben. An vielen Stellen ist der Weg auch auf einen halben Meter einfach nur abgerutscht oder abgesenkt. Man muss schon Schritte vorher seine Schrittfolge festlegen: dort mit dem rechten Fuß zu stehen oder die Querung mit dem rechten Fuß zu machen, sollte tunlichst vermieden werden, sonst gibt es das Übergewicht nach unten. Darf man mit dem rechten Fuß vielleicht noch etwas herumschlendern, sollte man dies am linken Fuß aus eigener Erfahrung vor Jahren in den venezuelanischen Anden unterlassen. Wenn der linke Fuß im Schwung von der bewachsenen Felswand abrutscht und das rechte Standbein wegschlägt, geht es unweigerlich im Freiflug nach unten. Damals in Venezuela konnte ich mich bei solch einem Vorfall glücklicherweise noch an einem zufällig (?) vorhandenen Wurzelstock festhalten, bevor es gut 50m senkrecht nach unten gegangen wäre. Und damals war danach nicht nur ein gaaaanz tiefes Luft holen notwendig

Auch in der Folgezeit wird die Strecke nicht besser, man gewöhnt sich nur an die all die Zeit nötige 100% Konzentration und Schrittvorplanung. Gerade bergab dauert es dann meist länger als bergauf, denn es gilt: eben ist heute nichts!

An einer kleinen Lichtung machen wir eine kleine Mittagsrast, ein gekochtes Ei und ein Tibetisches Brot müssen ausreichen.

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Platz der Mittagsrast - die Tagesendhöhe mit gut 3100m ü.NN ist schon erreicht, aber es wird noch ein stundenlanges Auf und Ab werden

Nur wie lange wird es heute noch dauern? Im Wald ist man wegen des Regens oft der Meinung, in der nächsten halben Stunde ist es dunkel. Mit gut 3100m ü.NN haben wir unsere Tagesendhöhe erreicht, aber ob es einigermaßen eben weitergehen wird, ist doch sehr fraglich.

Dieser Wunsch wird uns leider überhaupt nicht erfüllt werden, denn es gibt noch einige Seitentäler zu queren. Und jedes Seitental hat seinen eigenen Wasserfall.

Nur wo dann diesen Wasserfall dann queren?

Die Freude schon auf 3100m ü.NN zu sein währt auch nur kurz, beim nächsten Wasserfall müssen wir bis auf 2300m absteigen und ihn dort queren. Und es werden noch einige Wasserfälle folgen, mal auf 2700m, dann wieder auf 2500m, dann auf 3000m und wieder absteigen auf 2800m. Die Querung dann über verlegte Steine, selbst zu verlegende Steine, Baumstämme und einmal sogar über ein dickes Brett oder gleich durch das Bachbett gehen.

In meinen Schuhen steht schon seit geraumer Zeit das Wasser. Wasserdicht sind sie, v.a. von innen.

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Ein einfach zu querender Wasserfall

Gegen 15:30 Uhr kommen wir an einer Anhöhe an einem kleinen Unterstand aus einem Blätterdach an. Zu dritt wären wir hier nicht vom Regen geschützt. Aber es ist trocken und auf einigen Quadratmetern sogar eben. Rabin sagt, dass es noch 45-60 Minuten dauern wird. Ich kalkuliere aber sicherheitshalber gut 2,5 Stunden ein. Um 18 Uhr wird es dunkel sein und wir u.U. noch im dunklen Regenwald ohne Übernachtungsmöglichkeit und meine Begleiter ohne Übernachtungsausrüstung.

Sollen wir hier bleiben oder weitergehen?

Wir entscheiden uns für das Weitergehen und erleben einige Zeit bzw. nach irgendeinem der nächsten Wasserfallquerungen die wohl spektakulärste (aber bei weitem nicht gefährlichste) Hangquerung des heutigen Tages und dazu noch die einzige “Neubaustrecke” des heutigen Tages.

Hat der Lodgebetreiber von Gestern dies als “wir haben den Weg gemacht, man muss jetzt nicht mehr ins Tal hinunter” gemeint?

Die folgenden Bilder und v.a. der Film sprechen für sich. Gerade der Film ist nichts für Menschen mit Höhenangst. Die ganze Strecke ohne Sicherung, Netz oder doppelten Boden.

Die Stufen, die Rabin mir auf dem nächsten Bild entgegen läuft, haben oft eine Schritttiefe von weniger als 10cm. Es geht nur im Einzelschritt nach unten, ein Bein 90° nach außen abgewinkelt und das Standbein in Laufrichtung zeigend. Die Stufentiefe ist manchmal weniger als die Absatzlänge des Schuhs und es regnet immer noch in Strömen! Und dann muss man auch noch hoffen, dass alle zu betretenden Steine fest sind. D.h., den Bergfuß sollte man erst entlasten, wenn eine Trittsicherheit für den Talfuß tendenziell gesichert scheint.

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Erst runter, dann wieder rauf und rechts die tiefen Weiten des subhimalayaischen Regenwalds

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Kaum zu glauben, dass der höchste Berg der Erde, der Mount Everest, vom tiefsten Dschungel wie im Bild keine 40km entfernt liegt.

Die ganze Angelegenheit als Video. Der Ast am Rande der Treppe hat nur Alibifunktion und sollte nicht angefasst werden, weil man sonst minutenlang damit beschäftigt sein wird, ihn wieder in die “stabile Seitenlage” zu bringen.

Oft habe ich heute aus nicht nachvollziehbaren Gründen an schwierigen Stellen das Filmen einfach vergessen. Diesen Umstand will ich jetzt nachholen, auch wenn Nir Kumar meint: »Filming no good, be careful is dangerous!«. Hierauf antworte ich: »Nir Kumar, no worries, das glaubt sonst niemand. Die Nachwelt darf ruhig wissen, ab welchem Stein mir das Kilo Scheiße in die Unterwäsche gerutscht ist!«

HD-Video vom Aufstieg am “Adlerhorst”, zunächst noch zweispurig, nach der nächsten Linkskurve nur noch einspurig

Wieder haben alle Schließmuskeln ordnungsgemäß funktioniert, der Weg kann ohne geschäftliche Kollateralschäden weiter gehen.

Nach jeder Linkskurve erschleicht einem immer von neuem die Befürchtung: kommt jetzt nochmal ein Wasserfall, geht es rauf oder runter zur Querung? Und es wird jetzt bereits nach 17:30 Uhr immer dunkler und die Sicht inzwischen sehr bescheiden.

Taschenlampe jetzt auspacken oder nicht?

In nicht allzu weiter Entfernung am gegenüberliegenden Hang sehen wir etwas, das wie ein Gebäude ausschaut.

Ist dies die Lodge von Chhetra Khola?

Wie lange brauchen wir noch bis dorthin. Kaum 30m weiter ist auch ein Licht zu erkennen, es muss also die Lodge sein. Aber vorher müssen wir nochmals gut 100m nach unten, den letzten Wasserfall für heute queren und auf dem gegenüberliegenden Hang die 50m wieder den Hang hinauf.

Dort erwarten uns auch schon die ersten Menschen, eine Zentnerlast von Anspannung verlässt mich schlagartig, der Tag für heute ist jetzt um 18 Uhr geschafft.

Kaum im Essensraum der Lodge angekommen: wer ist schon da? Unsere bayerischen Jungs und ihr Mädel, wer denn sonst!

Sie haben tags zuvor an der puristischen Mera View Lodge (Ramailo Danda) übernachtet und ohne Pause in etwas mehr als fünf Stunden die Strecke bewältigt. Ihr Guide, der nach eigener Aussage diese Strecke schon 20mal gegangen ist, sagt, dass sie noch nie auch nur ansatzweise so beschissen war wie heute. Seit dem Nachmittag trocknen sie ihre Sachen, mehr schlecht als recht. In ihren Gesichtern ist die Anspannung der heutigen Wanderung noch zu sehen.

Da meine Vorgruppe alle auf Einzelzimmer umgestiegen sind, gibt es für mich keine feste Bleibe mehr in der Lodge. Ich soll in einem Zelt draußen übernachten, trotz strömenden Regen. Die Mannschaft der Lodge würde gerade das Zelt aufbauen. Bevor ich jetzt schon einen Schock kriege, schaue ich mir mein heutiges Schlafgemach lieber etwas später an.

Das Abendessen ist reichlich und gut. Auch beweist sich heute einmal wieder: Gore-Tex funktioniert auch bei 100%-Luftfeuchte. Wahre Nebelschwaden steigen von meiner Regenhose empor, in reduzierter Form auch von meiner Regenjacke. Letztere hat intern eine Lage mehr, deshalb lässt sie weniger Dampf ab.

Wir waren ja im Dunkeln angekommen, wo sind jetzt die ganzen Örtlichkeiten verteilt?

Im strömenden Regen mit der Taschenlampe bewaffnet, versuche ich all die Örtlichkeiten zu finden. Auch mein Schlafgemach ist zu sehen, kaum 10 Meter Luftlinie zum nepalesischen Donnerbalken entfernt, mit eigenem Wassergraben (aber keiner Zugbrücke).

Am Zelt angekommen denke ich mir, ob das gut geht?

Das ist eher eine Dackelgarage als ein Zelt und am Außenzelt liegen mehrere Säcke obenauf zur Reduzierung der durchströmenden Wassermassen. Im Zeltinnern ist wenigstens eine Stoffmatratze, muss ich wenigsten meine Isomatte nicht durchnässen. Auch meine Reisetasche ist schon drin. Aber ganz trocken ist diese inzwischen auch nicht mehr, dass wird spannend heute Nacht.

Hätte ich doch gesagt, dass ich im Essensraum auf dem Boden schlafe, aber anscheinend waren meine dazu notwendigen Hirnwindungen gerade schon im Tiefschlaf. Jetzt brennt dort im Essensraum kein Licht mehr und all die Sachen offen im strömenden Regen ohne Licht dort hinzutragen ist eher kontraproduktiv.

Kaum im Innern des Zeltes angelangt, stelle ich mir die Frage, wie funktioniert das jetzt heute Nacht alles, ohne dass ich bei mir alles unter Wasser setzte (sofern noch nicht geschehen)? Wie lagere ich meine “Entkleidungen” den Umständen entsprechend trocken in der Nacht zwischen?

Als Erstes müssen die Wanderstiefel ausgezogen werden: wie wird es ausschauen mit der Geschmacksnote und eventuellen Untermietern?

Kaum ist der erste Schuh ausgezogen, kommt mir auch schon ein modriger Geschmack entgegen, der so richtig nach verwesenden Yak im Endstadium duftet. Mein Fußschweiß ist ja geschmacksneutral, der kann also nicht der Schuldige sein. Ich hatte mich bis heute so gefreut, dass meine Stiefel auch nach drei Jahren aus dem Innern noch nach Leder riechen, aber das war jetzt einmal. Die Socken sind auch noch restlos durchnässt.

Aber bereits das Ausziehen der Socken gestaltet sich schwierig, irgendwie wollen sie heute nicht von meinen Füssen runter. Da ist irgendein Widerhaken zwischen Socke und Fuß. Es ist aber nicht nur ein Widerhaken, es sind mehrere dieser Art von der Gattung Leech, zu Deutsch Blutegel. Rausreißen lassen sich die Kameraden nicht, sie wollen einzeln höflich darum gebeten werden und dann muß man diese schleimigen Kameraden auch noch ähnlich wie aus einem Bilderhaken nach oben wegheben.

Es dauert etwas, bis ich all den anhänglichen Untermietern ein Haus- bzw. Zeltverbot erteilt habe. Jetzt muss ich mich noch um die freilaufende Blutegelverwandschaft im Zeltinnern kümmern. In Summe nach gut 20 gefundenen Spezies dürfte das Zelt jetzt blutegelfrei sein. Nach intensiver Ganzkörperkontrolle kann ich auch feststellen, dass alle Egel sich unterhalb der Mitte des Unterschenkels eingenistet hatten. Die Schröpfkur für heute hat nun hoffentlich ein Ende (leider noch nicht ganz).

Die Socken hänge ich zur Geschmacksreduzierung nach außen in den strömenden Regen. Im Zelt drinnen stelle ich fest, fast überall befindet sich Wasser am Boden, trotz nepalesischer Schaumstoffmatte. Meine Regenjacke liegt in einer Wasserpfütze, zum Glück ist meine Reisetasche wasserdicht.

Nur wie regle ich es jetzt mit den eventuell notwendigen nächtlichen Pinkelstopps. Im Dauerregen mache ich heute definitiv keine Dschungelwanderung. Ich beschließe, dass ich mich von unten nach oben hocharbeite, sprich: der erste Stopp ist weiter unten So stehe ich wenigsten dann nie barfuß in einer schon vollgepinkelten Wasserlache.

Soweit zur Theorie.

Irgendwann ist dann eine nicht ganz unbequeme und den Umständen entsprechend trockene Schlafposition gefunden. Gemütlich lehne ich meinen rechten Arm an das (sehr feuchte) Innenzelt und denke mir nichts dabei. Nur kaum wenige Sekunden später will der Oberarm nicht mehr von der Zeltwand weg.

Was ist denn jetzt los?

Kaum schaue ich mir die Sache genauer an, ist auch schon der Schuldige gefunden. Einer von der Schröpfkurmafia, sprich nochmal ein Blutegel, hat sich von der Außenseite des Innenzeltes in meinem Oberarm festgebissen. Freiwillig gibt der nicht nach. Muss ich jetzt mit meinem Taschenmesser ein Loch in das Zelt schneiden? Aber mit etwas Technik lässt sich der Kollege Blutegel doch noch zum Aufgeben überreden, ein stark blutender Oberarm bleibt aber zurück.

Es regnet noch bis weit nach Mitternacht. In meinem Gefängnis ist kaum an Schlaf zu denken. Würde ich mich auf der Matratze drehen, wäre auch diese noch unter Wasser und meine Daunendecke ein Wasserreservoir mit Inhalten tierischen Ursprungs (Daunen).

Tagesdaten: Start: Ningsow (2863m ü.NN) - 8:00 Uhr, Ziel: Chhetra Khola (3122m ü.NN) - 18:00 Uhr  -  PO2 94%

Tag 9: Chhetra Khola - Kothe

Gegen zwei Uhr in der Nacht lässt der Regen stark nach. Was mit Wasser verbundene Geräusche betrifft, hört man ab jetzt v.a. nur noch das Rauschen des Wildbachs unweit der Lodge.

Unmittelbar nach dem Sonnenaufgang verirren sich auch schon die ersten Sonnenstrahlen in das kleine eingeschnittene Seitental hier. Beim Verlassen des Zeltes lässt sich erst die ganze Szenerie der Umgebung erkennen. Hier wurde an eine einer Ebenheit ähnliche Lage mehrere Bretterverhaue aufgebaut, die als Übernachtungsorte dienen. Die Küche und das Esszimmer thronen wie ein Adlerhorst über dem Abhang. Die ganze Vegetation trieft nass von den vergangenen Niederschlägen. Es ist kühl, aber mit der Bewegung wird es einem schnell wärmer.

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Essensraum am Hang in Chhetra Khola, irgendwo von der gegenüberliegenden Hangseite sind wir gestern angereist

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Chhetra Khola, rechts meine Dackelgarage für die letzte Nacht

Ich muss mich in meine völlig durchnässten und extrem stinkenden Socken quälen. Wenn ich jetzt neue Socken anziehe, dann sind auch diese für später unbrauchbar. Solange die Schuhe nicht wieder trocken sind, bleibt es bei den „Mode(r)socken“.

Die Strecke für heute ist zweigeteilt. In drei bis vier Stunden geht es zunächst bis zur Lodge von Taktho in 3670m Höhe, also gut 450m Anstieg im zusätzlichen Auf und Ab. Aber der Guide der anderen Gruppe verspricht, dass der Weg heute (etwas) einfacher sein wird, nach Taktho dann sowieso.

Taktho ist auch eine Zwischenstation für den Aufstieg von Kothe zum Zatrwa La Pass über Thuli Kharka auf dem Rückweg nach Lukla. In Taktho soll dann den Umständen entsprechend wieder in der Zivilisation sein. Nach einer Mittagsrast in Taktho wird es dann für drei Stunden weiter nach Khote gehen, das dann wieder 100 Höhenmeter niedriger als Taktho am Rande des Flussbetts des Inkhu Khola liegt.

Unmittelbar nach der Lodge von Chhetra Khola geht es steil bergauf. Da die Vegetation restlos durchnässt ist, mutiert auch meine Trekkinghose zu solch einem Sympathisanten. Auf einer Anhöhe auf gut 3500m ü.NN angekommen, geht es nun im steten Auf und Ab ähnlich wie gestern weiter. Nur neben dem Weg sind es heute kein 10cm bis zum Abgrund, sondern eher 20-30cm. An manchen Stellen ist der Weg auch nachträglich befestigt worden.

An einer Stelle wird es wieder interessant: wir sind an einer kleinen Lichtung im Hang angekommen, in 50-70m Entfernung auf ähnlichen Höhenniveau wie aktuell ist auch zu erkennen, dass dort der Weg weiterführt. Nur zwischen Hier und Dort ist vor Zeiten der Hang abgesackt und dazwischen, so hat es von hier den Anschein, ist nur hohe Vegetation.

Nur wie geht es nun dorthin?

Im steilen Zickzack geht es zunächst sicherlich 150 Höhenmeter nach unten und dann ist die ganze Bescherung ersichtlich. Den ganzen Abstieg geht es wieder hinauf, aber im losen grobkörnigen Moränenschutt des letzten Hangrutsches, hin- und herquerend z.T. in die dichte Vegetation hinein. Es dauert zwar etwas, aber die Stelle lässt sich meistern, auch die oft kleinen Wasserfallquerungen.

Zur Mittagszeit erreichen wir nach vier Stunden Taktho und machen dort Mittagsrast. Erstmals gibt es für uns seit fast einer Woche neue Touristen zu sehen, eine Gruppe ist uns ja schon von den ganzen Vortagen bekannt. So schauen also Touristen aus, hatte ich in den letzten Tagen fast verlernt ;-).

Hatten wir am Vormittag meist eitel Sonnenschein mit bescheidener Weitsicht, so starten pünktlich mit dem Mittagessen der Regen und der Nebel. Zunächst noch ganz leicht, später auf der Strecke dann wieder stärker werdend.

Unmittelbar nach Taktho geht es steil bergab, eigentlich wären es ja nur 100 Höhenmeter Differenz zu Kothe, aber es ist halt typisch Nepal.

Das Rauschen des Inkhu Khola wird immer intensiver, wir nähern uns unaufhaltsam dem Flussbett des Inkhu Khola. Die Karte hätte den Weg fast nur am Hang verlaufend bis nach Kothe dargestellt, dieser verläuft aber im Schnellabstieg zum Flussbett und von dort dann am Rande des Flussbett oder leicht am Hang ausweichend bis nach Kothe weiter.

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Im Tal des Inkhu Khola, Blick stromabwärts nach Süden

Die Karten mit eingezeichneten Routen zum Fuße des Mera Peak sind in ihren Trassenführung und Namensgebung schon sehr erfindungsreich. Taktho gibt es z.B. nur auf einer Karte, Kothe schwankt um einige Kilometer in der Lage, …. Eine gute Ausnahme davon bietet die Mera Peak Karte von climbing-map, aber deren Kartenausschnitt startet erst in der Nähe von Kothe. Alle Höhenangaben ab Kothe und bis Lukla zurück in diesem Reisebericht stammen aus dieser Karte, die Abweichungen bei meinem Höhenmesser zu diesen Werten waren innerhalb der Messtoleranz.

Hier ist das Flussbett auf deutlich über 3100m gelegen, kaum 10 Kilometer entfernt ist es schon auf 2200m angelangt, der Inkhu Khola ist wahrlich ein rauschender Gebirgsbach. Das Flussbett ist aber nicht ausgespült sondern sehr eben. Begründet ist dies durch eine riesige Schlamm- und Gerölllawine vor Jahren. Ein starkes Erdbeben hatte den Seitendamm des weiter oben im Tal auf 4439m gelegenen Sabai Tsho Sees zum Einsturz gebracht und das ganze Tal überflutet. Auch heute schaut es hier im Tal noch aus, wie nach einem langem Monster-LKW-Stau auf der A9, wo jemand die LKWs zum Wegräumen vergessen hat.

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Im Tal des Inkhu Khola

In gemäßigter Steigung geht es in Richtung Norden den Flusslauf des Inkhu Khola folgend. Manchmal etwas ausgesetzt, im Vergleich zu gestern wirklich nur „etwas ausgesetzt“, direkt oberhalb des Flusses, manchmal in sicherer Entfernung und manchmal auch etwas im Wald neben dem Flusstal verlaufend. Wegen des aktuell vorhandenen Nebels und des Nieselregens ist die Sicht eher bescheiden aber leicht ausreichend.

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Im Tal des Inkhu Khola

Erstmals auf dieser Reise gibt es Gegenverkehr mit Touristen. Eine kleine Gruppe indischer Trekker kommt uns entgegen. Auch in unserer Richtung ist jemand sehr langsam unterwegs, das war es dann aber auch schon mit dem Verkehr.

Am späteren Nachmittag erreichen wir den Ort Kothe, den Einstiegspunkt in den Barun-Makalu-Nationalpark. Und es gilt wieder: „The same procedure as in the most of the last days“, sprich, wieder bin ich der einzige Tourist in der Lodge. Der Lodgebesitzer teilt uns mit, dass in den letzten Tagen fast keine Luklaflüge stattgefunden haben, deswegen ist so wenig los.

Zeitig schürt der Lodgebesitzer den Holzofen an, damit wir unsere nassen Sachen trocknen können. Den Strümpfen gönne ich auch ein Vollbad im ortseigenen Bach und zusätzlich biologisch abbaubare Seife. Die bisherige Geschmacksnote der Socken der letzten Stunden ist ja inzwischen unerträglich. Die Menschen in Kothe müssen ja meine anstehende Ankunft hier im Ort schon unmittelbar nach dem Verlassen von Taktho gerochen haben.

Es wird ein kurzweiliger Abend, bis alles getrocknet ist. Nur das Leder der Schuhe ist noch sehr klamm und ein Teil meiner Socken, genau genommen gut ein Quadratzentimeter, hat sich als Brennmaterial am Ofen geopfert.

Da ich nicht weiß, wie lange meine Trekkingstiefel noch nach übel verwesenden Yak stinken werden, nehme ich mir vor, erst ab Khare, d.h. nicht vor drei Tagen, die Socken für die Schuhe zu wechseln. Das hat den Vorteil, dass ich für die dann zu tragenden Schalenbergstiefel geschmacksneutrale Socken habe. Auf dieser Reise fehlt mir ein Sockenpaar, da ich vor der Abreise zu dämlich war, fehlerfrei bis drei bei den normalen Trekkingsocken zu zählen. Und die dicken Wintersocken will ich mir hier im „Mittelgebirge“ auf 3500m ü.NN auch noch nicht ruinieren.

Im strömenden Regen geht es zum Nachtlager im Nebengebäude der Lodge, heute mit breiter guter Matratze.

Tagesdaten: Start: Chhetra Khola (3122m ü.NN) - 7:45 Uhr, Ziel: Kothe (3582m ü .NN) - 16:00 Uhr  -  PO2 94%

 

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