chooyu

Cho Oyu 8201m und Gyachungkang 7922m, oberhalb von Dole fotografiert

Tag 10: Dole - Machermo

Unsere heutige Etappe sollte bis Mittag vorbei sein, es soll in 3-4 Stunden ins 4400m ü.NN gelegene Machermo gehen. Dort werden wir dann entscheiden, ob wir einen Akklimatisationstag einlegen oder nicht.

Beim Frühstück teilen mir meine österreichischen Zeltnachbaren mit, dass sie noch einen Tag in Dole bleiben wollen, da es einen von ihnen nicht besonders gut geht. Er hat zwar kein Kopfweh, er fühle sich aber unwohl. Wir verabschieden uns, vielleicht sieht man sich auf der Runde irgendwo wieder.

Unmittelbar nach der letzten Lodge von Dole steigt der Weg zunächst steil über gut 200 Höhenmeter an. Der Pfad verläuft dabei in Serpentinen. Was sich aber ein Tourist einer Wandergruppe dabei denkt, Steine bis zu 15cm Durchmesser mit den Füßen aus dem Weg zu räumen und den Abhang herabrollen zu lassen, bleibt ihm selbst überlassen. Solch ein Verhalten ist eigentlich grob fahrlässig, denn ein mehrere Kilo schwerer Stein kann für weiter unten Gehende schnell zum tödlichen Geschoss werden.

ods_800_3144_DxO

“Almhütten” oberhalb von Dole

Auf der ersten Anhöhe nach Dole angekommen, geht es im leichten Auf und Ab weiter in Richtung Machermo. Ab dem nächsten Bergkamm ist dann auch der Blick frei auf den 8201m hohen Cho Oyu und dem höchsten Nichtachtausender der Erde, dem 7952m hohen Gyachungkang. Der Gipfel des gut 20km entfernten Cho Oyu ist in Wolken gehüllt, die Spitze des Gyachungkang ist wolkenfrei. Sicherheitshalber mache ich gleich jetzt Fotos von diesem Bergpanorama, denn wer weiß, ob die Sicht auf Cho Oyu und Co. noch besser wird.

ods_800_3148_DxO

Blick über das Tal des Dudh Khosi auf die andere Talseite

chooyu_2

Cho Oyu 8201m oberhalb von Dole fotografiert

ods_800_3151_DxO

Lodges auf dem Weg zwischen Dole und Machermo

ods_800_3154_DxO

Blick zurück oberhalb von Dhole zu Kangtega und Thamserku

Vor Machermo steigt der Pfad nochmals an, bevor es wieder abwärts nach Machermo hinein geht. An der Lodge am “Ortseingang” erkenne ich ein bekanntes Gesicht, es ist Günther, den ich ja in Kathmandu getroffen hatte. Ich vereinbare mit ihm, dass wir uns später bei seiner Lodge zum Tee treffen. Mit Ganesh geht es aber weiter durch ein kleines Flußtal auf die gegenüberliegende Seite von Machermo. Auf einer Wiese vor der Dawa Friendship Lodge bauen wir das Zelt auf, umringt von Yakfladenfeldern. Der Dung dieser Tiere wird hier oben im baumlosen Bereich als Heizmaterial für die Öfen benützt. Dazu muss er aber zuvor getrocknet werden. Ganesh baut mit der Mannschaft die Küche in einer kleinen Steinhütte auf. Kaum 3 Stunden sind seit dem Start in Dole vergangen. Das wieder vorzügliche und wie immer abwechslungsreiche Mittagessen gibt es im Aufenthaltsraum der Lodge.

ods_800_3155_DxO

Machermo, im Hintergrund der Cho Oyu

Es ist fast 13 Uhr bis ich mich auf den zehnminütigen Weg zur Lodge von Günther mache. Vor der Lodge fängt mich aber sein Guide ab und teilt mir mit, dass sein Klient jetzt sein Mittagsschläfchen hält. Irgendwie wirkt sein Guide aufgrund seines überfürsorglichen Auftreten in dieser Situation für mich wie ein Alterpfleger in einem Seniorenheim. Dann muss ich eben später wieder vorbeischauen.

Da ich von Akklimatisationsspaziergängen (“Go high, sleep down”) wenig halte - woher sollen die grauen Zellen in so kurzer Zeit wissen, dass man schon höhenmäßig für ein paar Minuten weiter oben war - mache ich mir es etwas in meinem Zelt gemütlich. Ich vermute diese Art von Akklimatisationseffekt beruht eher auf psychologische Effekte. Aber die Ruhe dauert keine zehn Minuten. Vor dem Zelt stehen 2 Personen von der Hospital Station hier in Machermo. Sie laden mich zu einem Vortrag über die Höhenkrankheit in der Krankenstation heute um 15 Uhr sein.

Diesen Termin nehme ich natürlich, wie viele andere auch, gerne wahr. Es sind zwar für mich kaum neue Informationen, die ich beim Vortrag erfahre, dass aber mehr als die Hälfte der Wanderer schon gedopt mit Diamox hier angekommen (soviele melden sich bei der Frage, wer ...) überrascht mich doch etwas. Man kann sich auch die Sauerstoffsättigung im Blut messen lassen, was auch die meisten machen. Da ich meine Werte kenne, verzichte ich darauf, muss aber feststellen, dass ich bei meinen Werten an der Pinnwand des %-PO2-Baums sehr weit oben angesiedelt bin, was durchaus etwas beruhigt.

ods_800_3158_DxO

Zeltplatz in Machermo mit Blick auf Cholatse 6335m und Taboche 6495m

ods_800_3159_DxO

Zeltplatz in Machermo mit Blick auf Kyacho Ri 6186m

Nach der “Schulung” mache ich mich abermals auf den Weg zur Lodge von Günther, ich habe mich vorher bei Ganesh abgemeldet, er weiß also im Fall des Falles, wo er mich finden würde. Auf dem Weg zur Lodge kommt mir auch einer meiner Träger mit Schlafsack entgegen. Ganesh klärt mich später dahingehend auf, dass sich Träger meist selbst um die Unterkunft kümmern müssen. Die Küchenträger können kostenlos in der Behelfsküche oder anderen Räumen übernachten. An der Lodge angekommen teilt mir sein Guide mit, dass Günther vom Mittagsschlaf fließend in den Vorabendschlaf übergegangen ist. Er lädt mich aber zu einem Tee in die Lodge ein. Da er sehr gut Englisch spricht, ist auch eine problemlose Konversation möglich. Einige Zeit später ist auch Günther da, und es gibt doch so einiges zu reden, was in den letzten Tagen so alles vorgefallen ist.

Schon in der Dämmerung mache ich mich wieder auf den Weg zurück zu meiner Mannschaft. Mein Zelt steht jetzt nicht mehr alleine auf der Wiese. Die Mannschaft einer kanadischen Reisegruppe aus dem französischsprachigen Quebec soll heute noch von Phortse Thanga aus hier eintreffen, wie mir ihr Chef der Begleitmannschaft erzählt. Deren Zelte hatte ich schon in Namche Bazaar gesehen.

Beim Abendessen (Pilzsuppe, Pizza, Rösti, Krautsalat mit Dressing, nepalesische Würstchen und Litchi als Nachspeise) erzählt mir Ganesh, dass morgen Früh sein Schwager als Ersatzträger eintreffen werde. Er sei heute morgen in Tengboche gestartet, habe in Namche Bazaar seine Ladung “gelöscht” und sei als nepalesischer “King-of-the-road” mit frischem Lebensmitteln für uns jetzt hierher unterwegs. Wahrscheinlich werde er aber in Dole übernachten. Das phänomenale Organisationstalent von Ganesh überrascht mich immer wieder. Da kann ich es verschmerzen, dass seine Englischkenntnisse fast nur aus selbsterlernten Wörtern rund um den Bergtouristenalltag bestehen.

Da ich mich eigentlich sehr wohl fühle, beschließen wir ohne morgigen Akklimatisationstag hier in Machermo gleich weiter nach Gokyo zu gehen. Die Temperaturen sind aber heute Abend schon um den Gefrierpunkt, bei einem sternenklaren Himmel auf dieser Höhe ja nicht anders zu erwarten.

Tagesdaten: Start: Dole 4044m ü.NN - 8:15 Uhr, Ziel: Machermo 4374m ü.NN - 11:00 Uhr, ↑569m, ↓242m

Tag 11: Machermo - Gokyo

Irgendwann drückt des nachts dann doch einmal die Blase und man muss das Zelt verlassen. Es ist 4 Uhr morgens und es ist immer noch ein sternenklarer Himmel, es sollte also ein schöner Tag werden. Aber 2 Stunden später beim Aufstehen ist es mit dem wolkenlosen Himmel vorbei, der Himmel ist ein Grau in Grau, gut das ich bereits Gestern den Cho Oyu fotografiert habe.

Das Frühstück gibt es wie jeden Tag von der Begleitmannschaft frisch zubereitet in der Lodge. Zum Beginn dann entweder Milchreis oder Porridge und dann Toast mit Marmelade. Während des Frühstücks trifft auch unser vierter Träger, der Schwager von Ganesh, ein.

Wieder mit kompletter Mannschaft machen wir uns auf den Weg nach Gokyo, die Wanderung dorthin sollte etwa 3 bis 4 Stunden dauern. Unmittelbar nach Machermo geht es zunächst steil nach oben, im Anschluß daran zwar zunächst relativ eben, aber am steilen Abhang des Dudh Khosi Tal entlang. Dieser Fluß wird vom Ngozumba Gletscher gespeist, an deren Seitenmoräne der Ort Gokyo liegt. Der Ngozumba Gletscher entsteht am Cho Ohu, analog dem Khumbu-Gletscher am Mount Everest. Der Ngozumba-Gletscher ist auch der größte Gletscher im Khumbugebiet, fast 20km lang und 2km breit. Anders als viele alpine Gletscher führt er an seinen Seitenwänden sehr viel Gestein mit sich. Das Ende dieses Gletschers lässt sich schon unmittelbar nach der Anhöhe oberhalb von Machermo erblicken.

Nur der konturlose Himmel in Richtung Cho Oyu lässt bei mir doch etwas die Sorgenfalten entstehen, das ist kein Zeichen für ein gutes Wetter. Waren beim Verlassen in Machermo in der entgegengesetzten Richtung nur die Spitze des Kangtega komplett in einer Wolkenbank verhüllt, so ist jetzt die Wolkendecke deutlich gesunken. Auch mein Höhenmesser zeigt einen deutlich fallenden Luftdruck an. Irgendwie braut sich da etwas zusammen, die Sache gefällt mir nicht. Ich sage zu Ganesh: “No good weather forecast upside to Gokyo”. Ganesh bleibt ganz ruhig, also schätzt er die Lage weniger anormal ein.

ods_800_3160_DxO

Blick zum Ende der Gletschezunge des Ngozumba-Gletschers

Vor der Zunge des Ngozumba-Gletschers geht es über ungesicherte Steintreppen steil nach oben, links sind steile Bergflanken und rechts geht es tief in das Flußtal hinab. Oben am Gletscher angekommen geht es über eine kleine Metallbrücke und man befindet sich schon am Fuß der bis zu 100m hohen Seitenmoräne des Gletschers. Die Moränen sind rechtsseitig in Laufrichtung Gokyo, linksseitig befindet sich ein kleiner See, der sogenannte 1.See. Inzwischen hat auch schon ein leichter Graupelschauer begonnen, wir befinden uns inzwischen auf über 4700m.

Durch ein Steinlabyrinth geht es eben weiter zum 2.See, der schon deutlich größer ist. Aus dem Graupelschauer wird aber inzwischen schon ein leichter Schneefall und auch der Nebel nimmt zu, man sieht nur noch wenige hundert Meter weit. So wirkt auch die Häuserfront von Gokyo eher wie eine Mondbasis Alpha 1. Gokyo selber liegt ja am 3.See, der ja bei Sonnenschein im schönsten Türkis leuchten würde, aber jetzt sieht man nicht einmal mehr das gegenüberliegende Ufer mit dem über 5300m hohen Aussichtshügel mit Everestblick, dem Gokyo Ri, wohin es übermorgen Früh hingehen soll.

ods_800_3161_DxO

1.See bei Gokyo

ods_800_3162_DxO

Auf dem Weg nach Gokyo

ods_800_3165_DxO

3.See (Dudh Pokhari) auf 4750m ü.NN. rechts der Ort Gokyo

ods_800_3166_DxO

Beginnender stärkerer Schnee am 3.See bei Gokyo

ods_800_3167_DxO

3.See (Dudh Pokhari) auf 4750m ü.NN bei Gokyo

Bis wir kurz nach 11 Uhr in Gokyo an der Lodge eintreffen hat der Schneefall nochmal deutlich an Intensität zugenommen. Es bleibt uns also zunächst nichts anderes übrig, als dass wir uns alle im Aufenthaltsraum der Lodge zunächst etwas aufwärmen, durchnässt sind wir zum Glück noch nicht.

Mit Ganesh vereinbare ich, dass wir das Zelt erst später aufbauen, dass Wetter könnte sich ja wieder zum Besseren ändern. Zu dieser Annahme macht mir auch mein Höhenmesser Hoffnung, denn er zeigt mir seit mehr als einer Stunde einen steigenden absoluten Luftdruck an. Im Sitzen in der Lodge habe ich 50 Höhenmeter geschafft, nur durch die Luftdruckänderung. Dies hat natürlich nichts mit der Realität zu tun, sondern bedingt sich aus der barometrischen Funktionsweise des Höhenmessers. Mein über 20 Jahre alter Eschenbach Höhenmesser ist zwar digital, funktioniert aber anders wie viele digitale Höhenmesser bis 9000m, nicht wie sonst üblich nur bis 5000m.

Gerade weil der Luftdruck steigt, ich bin immer noch der Überzeugung, dass bis um 3 Uhr wieder die Sonne scheint, nimmt der Schneefall immer mehr zu. Alle Wanderer, Guides und Träger halten sich nun im geheizten Aufenthaltsraum auf. Rückkehrer vom Gokyo Ri oder von den Aussichtspunkten am weiter oben gelegenen 5.See berichten, dass bis 10:30 Uhr noch ein Everestblick möglich war und dann der Schneefall begonnen hat, weiter oben sei auch der Pfad nicht mehr sichtbar gewesen. Auch jetzt sieht man hier kaum noch 100m weit. Wie bei dieser Sichtweise noch ein Rettungshubschrauber aus dem Tal anfliegen kann, bleibt den meisten von uns schleierhaft. Aber anscheinend ist der Einsatz dringend notwendig, da eine aufgeregte Menschenmenge den Hubschrauber belädt.

ods_800_3171_DxO

Schneeräumkommando auf dem Dach der Nachbarlodge

ods_800_3174_DxO

geplanter Zeltplatz in Gokyo am späteren Nachmittag

ods_800_3175_DxO

Schneelandschaft um Gokyo am 3.See

Bei der Nachbarlodge wird jetzt auch schon das Dach vom Schnee befreit, inzwischen sind es schon 15cm Neuschnee. Ich bin immer noch am Überlegen, ob ich das Zelt aufbaue oder nicht. Der dafür vorgesehene Platz liegt zwar oberhalb der Lodge, aber in einer kleinen Kuhle, d.h. wenn der Schnee später schmelzen würde, hätte ich eine Überschwemmung im Zelt. Nur der Schneefall denkt nicht im entferntesten daran aufzuhören. So beschließen wir, dass ich heute in einem Zimmer in der Lodge übernachten soll, auch wenn ich dazu überhaupt keine Lust habe. Ich wollte diesen engen und hellhörigen Sperrholzverschlägen mit zwei Bettgestellen und einer Schaumstoffmatte eigentlich aus dem Wege gehen, aber irgendwann siegt dann doch die Vernunft.

So bleibt heute jedem nichts anderes übrig, als den Rest des Tages in der Lodge zu verbringen. Hoffen wir, dass nach dieser Nacht das Wetter besser wird. Hoffentlich wenigstens besser als der Schlaf in der heutigen Nacht.

Irgendwie habe ich eine Abneigung gegenüber Schaumstoffmatten mit Hängemattenfunktion, irgendwie fühle ich mich hier wie in einem offenen Sarg. Wenn ich mich auf die Seite lege, dann merke ich, wie die Luft durch die Verspannung im Oberkörper weniger wird, also bleibt mir nichts anderes übrig, als am Rücken zu schlafen. Am Rücken kann ich aber normal nur bei sehr starker Müdigkeit einschlafen.

Bis 2 Uhr ist dann doch noch ein geordneter Schlaf möglich, dann beginnt aber schon die Wachzeit des Tages. Die Sauerstoffsättigung liegt bei sehr beruhigenden 90%, der Ruhepuls unter 70, kein Kopfweh, keine Übelkeit, ich fühle mich eigentlich pudelwohl, bis auf eine Unpässlichkeit. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass sich neben der normalen Atmung vermehrt Luft ansammelt und diese periodisch wieder abgelassen wird. Entweder durch Rülpsen, Entfleuchen oder einem Schnarcher, der sich so anhört wie wenn man von seinem eigenen Geschnarche aufwacht. Wenn ich aufstehe ist alles wieder vorbei. Die Sache muss also irgendwie mit der Schlafposition zusammenhängen, denn bei Seitenlage ist der Effekt weg, dann bin ich aber restlos verspannt. Zum Lesen kann ich jetzt auch nicht anfangen, denn meine Stirnlampe würde alle Nachbarräume erhellen, und ich würde dann viele Trekker vom Schnarchen abhalten.

Tagesdaten: Start: Machermo 4374m ü.NN - 8:15 Uhr, Ziel: Gokyo 4741m ü.NN - 11:15 Uhr, ↑477m, ↓145m

 

navleft          navup          navright